MENÜ
Limnologie - die Lehre von den Binnengewässern
Binnengewässer

Prof. Dr. Dietrich Uhlmann

Die deutsche Limnologen-Gemeinschaft hat einen national und international hoch geschätzten Wissenschaftler und großartigen Hochschullehrer verloren. Mit tiefem Bedauern müssen wir mitteilen, dass Prof. Dr. Dietrich Uhlmann nach kurzer schwer Krankheit am 22. Oktober 2018 in Dresden verstorben ist.

Dietrich Uhlmann wurde am 4. August 1930 in Chemnitz (Deutschland) geboren. Er studierte Zoologie und Botanik an der Universität Leipzig, wo er 1957 mit Ergebnissen über die biologische Selbstreinigung häuslicher Abwässer in Teichen promoviert wurde. Ab 1959 lehrte und forschte er als Oberassistent an der Abteilung für Trink-, Brauch- und Abwasserbiologie am Zoologischen Institut, die er zeitweise auch leitete. Im Alter von 34 Jahren habilitierte er sich mit Ergebnissen zu Untersuchungen des Stoffumsatzes und der Planktondynamik in extrem nährstoffreichen Flachgewässern. Im Jahr 1967 wurde Dietrich Uhlmann Ordentlicher Professor für Hydrobiologie an der Technischen Universität Dresden. Auch nach seiner Pensionierung im Jahr 1995 blieb Professor Uhlmann als Forscher an der TU Dresden und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig tätig.

Die von Dietrich Uhlmann aufgeworfenen wissenschaftlichen Fragen und bearbeiteten Themen sind auch heute noch von hoher Aktualität. So hat er frühzeitig Zusammenhänge von Aufenthaltszeit und Biofiltration durch Daphnien auf die Steuerung der Phytoplanktonentwicklung erkannt und das „Daphnien-Klarwasserstadium“ in Publikationen beschrieben. Später galt das unter dem Begriff „Biomanipulation“ als Quantensprung für das Verständnis limnischer Ökosysteme und hat die Diskussion unter Wissenschaftlern und Praktikern gleichermaßen stimuliert. Auch die Frage von alternativen stabilen Zuständen in eutrophierten Flachseen wurde von Dietrich Uhlmann sehr zeitig erforscht und einige Jahre später von anderen Forschern systematisch zum weit verbreiteten Konzept der „Bistabilität“ ausgebaut. Für einige der heute etablierten Theorien und Themen in der Limnologie waren die Pionierarbeiten von Dietrich Uhlmann sicher eine wichtige Inspirationsquelle, so z. B. zu den Mechanismen von Ökosystemleistungen. Ein weiteres seiner Forschungsgebiete war die Limnologie von Talsperren. Vor etwa 60 Jahren wurde unter seiner maßgeblichen Mitwirkung das „Hydrobiologische Laboratorium “ (heute Ökologische Station) Neunzehnhain zur langfristigen Untersuchung von Trinkwassertalsperren und ihren Einzugsgebieten im Erzgebirge/Sachsen eingerichtet. Dieser Weitsicht ist es zu verdanken, dass heute lange und detaillierte Zeitreihen zur Verfügung stehen, die wertvolle Aussagen über den Einfluss natürlicher und anthropogener Faktoren auf aquatische Ökosysteme ermöglichen. Letztendlich entstand ein 39 Jahre umfassender und weltweit wohl einmaliger Datensatz für die Talsperre Saidenbach (bei Lengefeld/Erzgebirge), der nicht nur abiotische Antriebs- und Wasserbeschaffenheitsdaten umfasst, sondern auch das Phyto- und Zooplankton in hoher zeitlicher Dichte, vertikaler Auflösung und taxonomischer Tiefe beinhaltet. Langzeituntersuchungen mit dieser hohen zeitlichen Auflösung gelten mittlerweile als unverzichtbar für die Erweiterung des limnologischen Prozessverständnisses, ganz besonders mit Blick auf den Einfluss von Klima- und Landnutzungsänderungen. Die Langzeitdaten der Talsperre Saidenbach bilden bis jetzt die Grundlage für Forschungen zur Planktondynamik, zu limnophysikalischen Prozessen in Talsperren, zur Funktion der Sedimente sowie zu Fragen der Bewirtschaftung. Mit dem frühen Beginn der systematischen Talsperrenforschung wurde der Grundstein für eine jahrzehntelange, bis in die Gegenwart reichende Zusammenarbeit zwischen Talsperrenbetreibern und Limnologen in Forschung und Praxis gelegt. Die Erkenntnis, dass Prozesse und die organismische Besiedlung in Anlagen zur Wassereinigung natürlichen Ursprungs sind und durch Steuerung der Bedingungen optimiert werden, führte zu dem erfolgreichen Ansatz, technische Anlagen als Modellsysteme zu betrachten und in der Forschung die Abwasserbiologie mit der Limnologie zu verbinden. Das betrifft u.a. die Übertragung von Methoden der Sedimentforschung zum Nachweis von Phosphor-Bindungsformen in Belebtschlämmen als auch den Nachweis der aus der Abwasserbiologie bekannten Poly-P-Speicherung durch Mikroorganismen in Gewässersedimenten.

Mit mehr als 150 Publikationen auf den Gebieten der Abwasserbiologie, der Limnologie von Talsperren, der Eutrophierung und Sanierung von Gewässern und auf anderen Gebieten der angewandten Gewässerforschung erlangte Dietrich Uhlmann ein hohes nationales und internationales Ansehen.

Als Leiter des Institutes für Hydrobiologie der Technischen Universität Dresden hat er in seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit sehr erfolgreich eine Brücke zwischen Natur- und Ingenieurwissenschaften geschlagen und damit die Dresdener „Hydrobiologen-Schule“ begründet. Ausdruck dieses verbindenden Ansatzes sind neben zahlreichen Publikationen in Fachzeitschriften das in deutscher und englischer Sprache erschienene Lehrbuch „Technische Hydrobiologie“, das Standardwerk „Ingenieurökologie“ (K.-F. Busch, D. Uhlmann, G. Weise) sowie die Bücher „Hydrobiologie der Binnengewässer“ (D. Uhlmann, W. Horn) und „Biologie der Wasser- und Abwasserbehandlung“ (I. Röske, D. Uhlmann). Mit großem didaktischen Geschick gelang es Professor Uhlmann, einer Vielzahl von Chemikern, Hydrologen und Ingenieuren im Wasserbereich hydrobiologische Grundlagen sowie Untersuchungs- und Bewertungsmethoden und damit zugleich das Vokabular der Hydrobiologie zu vermitteln. Eine solche interdisziplinäre Ausbildung ist heute mehr denn je entscheidend, um den großen Herausforderungen auf dem Wassersektor in Zukunft gewachsen zu sein. Im Rahmen der UNESCO-Postgradualkurse, die noch in der DDR-Zeit nach Dresden vergeben wurden, oder mit Gastvorlesungen im Ausland hat sich Dietrich Uhlmann mit sehr viel Engagement um die Ausbildung von Fachkräften und Wissenschaftlern aus Entwicklungsländern verdient gemacht. Viele seiner ehemaligen Studenten nehmen jetzt verantwortliche Positionen in der wasserwirtschaftlichen Praxis und der Wissenschaft ein. Seine fachliche Kompetenz als Autor, als Gutachter und Berater war auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben sehr geschätzt. Bis in das hohe Alter nahm er an den jährlichen DGL-Tagungen aktiv teil. 

Dietrich Uhlmann war ab 1969 zunächst im Editorial Board und später als Editor in chief für eine der weltweit ältesten limnologischen Fachzeitschriften der Internationalen Revue der gesamten Hydrobiologie und Hydrographie (heute International Review of Hydrobiology) tätig. Über diese Herausgeberschaft und sein Engagement in zahlreichen internationalen Gremien gelang es ihm trotz der besonderen politischen Bedingungen in der DDR internationale Kontakte auf dem Gebiet der Wasserforschung so nutzbar zu machen, dass viele davon profitierten und damit einer wissenschaftlichen  Isolation entgegenzuwirken. Zusammen mit Heinz Bernhardt (1929-1996) und Jürgen Clasen (1939-2005) vom Wahnbach-Talsperrenverband hat Dietrich Uhlmann zwischen 1993 und 1998 das BMBF-Verbundvorhaben „Entwicklung von Gewässertechnologien zur Sanierung von Talsperren und Seen“ koordiniert und in dieser Funktion zum großen Erfolg des Vorhabens und zum Zusammenwachsen der Limnologen in Ost und West beigetragen. Dietrich Uhlmann wurde 1971 Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und nahm dort verschiedene Funktionen wahr. Für zwei Wahlperioden war er zwischen 1987 und 1991 Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für Limnologie (SIL). Für seine grundlegenden Arbeiten über die Limnologie von Abwasserteichen und Stauseen, über die Biologie und Steuerung von eutrophierten und belasteten Ökosystemen und anderen Gebieten der angewandten Limnologie erhielt er 1987 die höchste Auszeichnung der SIL, die Einar Naumann-August Thienemann Gedenkmedaille (de Limnologia optime merito). Außerdem wurde er 1989 mit der Caspar-Friedrich-Wolff-Medaille der Biologischen Gesellschaft der DDR und 1991 mit der Kolkwitz-Plakette des WaBoLu-Institutes des Umweltbundesamtes geehrt.

Dietrich Uhlmann war ein gesellschaftlich engagierter Mensch. Unter dem Eindruck von Reisen nach Asien und Afrika trat er mit den Möglichkeiten eines Wissenschaftlers für eine sozial gerechtere Welt und den Schutz der Umwelt im globalen Maßstab ein. Er wurde von Kollegen und Studenten wegen seiner freundlichen Bescheidenheit, seines respektvollen Umgangs mit anderen Menschen, seiner selbstlosen Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und seines universellen Wissens hochgeschätzt. Dietrich Uhlmann war leidenschaftlich an der Hydrobiologie interessiert und verstand es, andere dafür zu begeistern und zu motivieren. Er war ein Diener der Wissenschaft.

Wir verneigen uns vor einem großartigen Hochschullehrer und liebenswerten Menschen. Wir werden ihn mit unserem Wirken stets ehren und in Erinnerung behalten.

Im Namen von Fachkollegen, Schülern und Freunden 

Michael Hupfer, Dietrich Borchardt, Ingrid Carmienke, Peter Kasprzak, Hartmut Willmitzer, Heidemarie und Wolfgang Horn, Kathrin Jäschke, Thomas Mehner, Brigitte Nixdorf, Lothar Paul, Thomas Petzoldt, Friedrich Recknagel, Isolde und Kerstin Röske, Mario Sommerhäuser

Literatur:

Hupfer, M., Nixdorf, B., Paul, L., Röske, I., Petzoldt, T., Bochardt, D. (2019): Obituary
Dietrich Uhlmann: A Passionate Scientist and an Outstanding Academic Teacher. - Internat. Rev. Hydrobiol. 103: 85-89.